Streitgespräch zwischen Dr. Rüdiger Grube und Boris Palmer

Unter Zug-Zwang?

Dr. Rüdiger
Grube

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Boris Palmer

Das Plakat

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Einträge im Goldenen Buch

Sie haben hier am Goldberg-Gymnasium eine super Plattform für derartige Gespräche geschaffen. Das ist wirklich Schule, wie ich sie mir als Schüler gewünscht habe. Machen Sie weiter so, denn dieses Schulengagement ist weit über die Grenzen von Sindelfingen bekannt!
Dr. Rüdiger Grube (9.10.2009)

Fantastisch, was hier bewerkstelligt wird, von der Abholung per Fahrrad vom Bahnhof bis zur Moderation!
Boris Palmer (9.10.2009)

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Fotogalerie

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Pressestimmen

Sindelfinger/Böblinger Zeitung: 12.10.2009, von Karlheinz Reichert

Bahn-Chef: Nicht schnell an die Börse

Der eine ist Bahnfahrer aus Leidenschaft und überzeugung, der andere wohl eher aus beruflichen Gründen. Ein Ziel haben Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und einst verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Landtag sowie Dr. Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bahn AG und der DB Mobility Logistics AG gemeinsam: eine zuverlässige, pünktliche und bequeme – sprich: eine kundenfreundliche Bahn.

Für den Weg dahin hat jeder der beiden seine eigenen Gleise verlegt und über die richtige Weichenstellung lässt es sich trefflich streiten. Das taten die beiden denn auch, am Freitagabend in der Aula des Sindelfinger Goldberg-Gymnasiums im Rahmen der Gesprächsreihe „Goldberg aktuell”.

Reizthemen gibt es bei der Bahn genug, auch wenn Dr. Grube nicht für alle verantwortlich ist, denn der ehemalige Daimler-Chef ist erst seit dem 1.Mai 2009 bei der Bahn: Bespitzelungsaffäre, S-Bahn Berlin, ICE-Radreifen, Privatisierung.

Der Elchtest für den Vorsitzenden

Für Boris Palmer ist der Fall klar: Das alles hat sich die Bahn mit überzogenem Renditedenken selbst eingebrockt. Weil die AG vor dem geplanten Börsengang gut dastehen will, wird an den falschen Stellen gespart. Das Schlimmste dabei sei: „Der Steuerzahler wird ausgenommen.”

Dr. Grube räumte ein, die Berliner S-Bahn sei eine „wirklich sehr unangenehme” Geschichte: „Das war für mich der Elchtest in meiner beruflichen Vergangenheit.” Die Schuld liege aber nicht bei der Bahn, sondern beim Hersteller der Fahrzeuge.

Ein großes Versprechen

Als Palmer dennoch behauptete, die Bahn blute den Regionalverkehr aus, weil sie die Gewinne für anderes brauche, musste Dr. Grube Dampf ablassen: „Was Sie hier erzählen, hört sich toll an, entspricht aber nicht der Realität. Sie erzählen bewusst falsche Geschichten.” Wenn Regionalstrecken stillgelegt würden, dann sei das nie Sache der Bahn, sondern immer der jeweiligen Landesregierung.

CDU und FDP wollen die Bahn möglichst schnell privatisieren. Noch nicht ganz geklärt ist das Wie. Dr. Grubes Vorgänger als Bahnchef, Hartmut Mehdorn, wollte die Bahn komplett an die Börse bringen. Davor warnte Palmer auf dem Goldberg: „Das wäre absolut fatal.” Damit werde 150 Milliarden Euro Volksvermögen für 15 Milliarden Euro verkauft. Wenn das Netz privatisiert werde, sei dies zudem eine Lizenz zum Geld drucken, wenn die neuen Besitzer eine Staatsgarantie für die Verluste bekämen.

Boris Palmer gehört zu denjenigen, die aber fordern, dass der Zugang zum Netz frei sein muss: „Wo die DB nicht Herr im Haus ist, fährt man besser.” Als Beispiel nannte er die Hohenzollerische Landesbahn.

Auch Dr. Grube warnte davor, das Netz zu privatisieren: „Dann bekommen wir Zustände wie in England.” Ansonsten hält er es für den falschen Zeitpunkt, jetzt über einen Börsengang zu reden: „Wir würden heute alles andere als den tatsächlichen Wert erhalten. Das wird mit mir nicht passieren, dass wir Werte vernichten.”

„Sie fahren gar nicht Bahn”

Da waren die beiden plötzlich Freunde – bis Boris Palmer der Bahn drei Sätze später vorwarf, sie sei mittelstandsfeindlich. Dr. Grubes Konter: „Sie fahren gar nicht Bahn.” Zum Beweis des Gegenteils, reckte Palmer seine Bahncard 100 in die Höhe. Da war auch dem in Gechingen lebenden Bahnchef klar: Ein Schwabe, der sich eine Bahncard 100 leistet, der nutzt sie auch.

Aber fährt der Bahnchef selbst mit der Bahn? Die Schüler Annika Renz und Mario Urbiks, die das Streitgespräch moderierten, hatten im Internet gefahndet. Demnach kostet die Zugfahrt Stuttgart – Berlin mit der Bahn 123 Euro und dauert fünfeinhalb Stunden, Germanwings bietet das Ticket für 39,98 Euro an (inklusive Gebühren). Flugzeit: eine Stunde.

Nicht das richtige Angebot

Unter diesen Bedingungen würde er das Flugzeug nehmen, bekannte Dr. Rüdiger Grube. Aber diese seien nicht so: „Sie haben den falschen Knopf gedrückt.” Der Flug dauere durch das Ein- und Auschecken drei Stunden und der Preis für die Zugfahrt sei viel zu hoch: „Im Dschungel der Fahrkarten muss man sich sehr gut auskennen.” Da räumte er Nachholbedarf ein. Die Bahn müsse kundenfreundlicher werden.

Einig waren sich Palmer und Dr. Grube, dass die Voraussetzungen für die Verkehrsunternehmen ungerecht sind. Während Germanwings steuerfrei fliegen könne, bezahle die Bahn pro Fahrgast für jede einfache Berlin-Fahrt 50 Euro Steuern.

Stuttgart 21: fünf Milliarden mehr?

Die Harmonie zwischen den beiden Debattanten war aber schnell wieder dahin: durch Stuttgart21. Die veranschlagten 4,5 Milliarden Euro reichen nie, ist für Palmer klar: „Da fehlen fünf Milliarden Euro.” Und vor allem: „Die zusätzlichen Kosten bezahlen wir und nicht die Bahn.” Dr. Grube ist dagegen überzeugt, dass die Kalkulation – 3,07 Milliarden Euro plus 1,45 Milliarden Euro Risikozuschlag – aufgeht. Und bis zum Jahresende lässt er noch untersuchen, wo man beim Bau einsparen kann.

Ein Bürgerbegehren zum Thema Stuttgart21 fürchte er nicht. Land, Stadt und Bahn hätten in der Vergangenheit allerdings einen riesigen Fehler, nämlich keine öffentlichkeitsarbeit, gemacht. Da müssten in der für parteipolitische Ziele instrumentalisierten öffentlichkeit erst noch die Weichen anders gestellt werden.




Stuttgarter Nachrichten: 9.10.2009 von Michael Isenberg

Debatte mit Bahn-Chef Rüdiger Grube und Tübingens OB Boris Palmer

SINDELFINGEN. Der eine soll den Konzern aus der Krise führen. Der andere gilt als einer der schärfsten Kritiker der Deutschen Bahn. Am Freitagabend sind Vorstandschef Rüdiger Grube und Tübingens OB Boris Palmer auf Einladung von Schülern in Sindelfingen in einem offenen, fairen Schlagabtausch aufeinandergetroffen.

Die beiden Männer stehen etwa zehn Minuten auf der Bühne, da platzt Rüdiger Grube zum ersten Mal der Kragen. "Herr Palmer, Sie erzählen hier bewusst falsche Geschichten", faucht er sein Gegenüber an. Der andere lächelt maliziös. Boris Palmer weiß, was er da tut.

An anderer Stelle ist es Palmer, der Grube angeht. "Ihre Argumente sind alle alt und falsch, oder sie haben mit Stuttgart21 nichts zu tun", herrscht der Tübinger Oberbürgermeister den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG an. Bei der Debatte Goldberg Aktuell - veranstaltet von 16 Schülern des gleichnamigen Gymnasiums in Sindelfingen und souverän moderiert von Annika Renz (17) und Mario Urbics (18) - geht es zur Sache. Die rund 300 Zuhörer, die sich Freitagabend in der Aula drängen, kommen auf ihre Kosten.

Das Reizthema Stuttgart 21 wollen die Diskutanten erst am Ende der Debatte anpacken. Grube räumt indirekt ein, dass Stuttgart21 teurer wird als die bisher genannten 3,076 Milliarden Euro. Bis Ende 2009 laufe die "Optimierungsphase" des Projekts, sagt er: "Dann werde ich Zahlen nennen. Damit gehen wir in den Lenkungskreis." Dieses höchste Gremium der Projektpartner ist vor allem gefragt, wenn auch der Risikofonds von 1,45 Milliarden Euro benötigt wird.

Palmer greift den Punkt nicht einmal auf. Für ihn steht auch so fest, dass Stuttgart21 "Wahnsinn mit Methode" ist. Neue Argumente haben freilich weder er noch Grube zu bieten. Lediglich beim Thema Bürgerentscheid, den Palmer einmal mehr fordert, obwohl dieser vom Verwaltungsgericht ausgeschlossen und von der Initiatoren daraufhin fallengelassen wurde, erlebt das Publikum eine überraschung. "Ich habe keine Angst vor der Bürgerbefragung", bekennt Grube. "Meiner Meinung nach hätte man die Bürger abstimmen lassen können."

Am Ende der Debatte wird Palmer betonen, dass ihn "vieles ermutige", was Grube gesagt habe. Dies sei ein echter Neuanfang für die Bahn. In solchen äußerungen wird deutlich, dass die ära Mehdorn für viele Bahn-Kritiker noch lange nicht vergessen ist. Grube jedoch versagt sich aller Kritik am Vorgänger. "Ich mag es nicht, solche Dinge auf dem Rücken anderer auszutragen", sagt er barsch, als er von den Moderatoren zur Daten-Affäre angesprochen wird, die Mehdorn den Job gekostet hat.

Grube nennt die Dinge beim Namen: die Malaise der Berliner S-Bahn, die Verspätungen im Fernverkehr, den Börsengang, der "kein Selbstzweck" sein dürfe, weil man "nichts zu verschenken" habe, oder den "unfairen Wettbewerb" auf dem deutschen Schienennetz, wo ihm Firmen Konkurrenz machten, die von der französischen Staatsbahn "Milliarden in den Hintern gesteckt" bekämen oder teilweise mit Dumping-Löhnen arbeiteten.

Als sich das Gewitter verzieht, fordert Palmer nicht weniger engagiert eine Bahn, die "pünktlich, zuverlässig und sauber" ist, auch abseits der Ballungsräume attraktive Angebote macht und deren Schienennetz in öffentlicher Hand bleibt. "Ich habe selten einen so begeisterten Bahnfahrer erlebt", lobt Grube den Bahn-Netzkartenfahrer Palmer. Die Männer haben sich noch viel zu sagen.

Dr. Harald Braun Dr. Helmut Ranacher Dr. Herbert Honsowitz
Berthold Huber Hans-Werner Busch Andreas von Buelow
Goldberg aktuell-Logo
Klaus Pflieger Clemens Binninger Dr. Joachim Walter
Daoud Nassar Heinz Fromm Uwe Hück
Jürgen Rose Dr. Dieter Hundt Berthold Huber
Alexander Smoltczyk Beate Bube Hartmut von Hentig
Dr. Rüdiger Grube Boris Palmer Martin Schulz
Rudolf Dreßler Hermann Scheer Peter Bofinger
Oswald Metzger Jens Lehmann Rudolf Bosch
Volker Schebesta Mordechai Ciechanower Wolfgang Welsch
Marianne Birthler Sylvia Kotting-Uhl Hans Joseph Zimmer
Cacau Herbert Honsowitz Gabriele Warminski-Leitheußer
Dr. Volker Kefer Winfried Hermann Winfried Kretschmann

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